Ist die bAV eine Versicherung?

Stephan Seidenfad

Geschäftsführer und Gründer
Experte für die Themengebiete: bAV, Recht & Steuern, kAV, Digitale Lösungen und Absicherung

Betriebliche Altersvorsorge und Versicherungen: Für die meisten Menschen gehören diese beiden Bereiche zusammen. Viele sind der Auffassung, dass die bAV eine Versicherung ist oder die Versicherung einen großen Anteil an der erfolgreichen Umsetzung der bAV im Unternehmen hat. Die Realität sieht jedoch in Teilen anders aus. Viele Durchführungswege kommen sogar ganz ohne eine Versicherung aus. Im Folgenden erfahren Sie verschiedene Gründe, warum die Umsetzung der bAV auch ohne eine Versicherung erfolgreich sein kann.

Jüngst hat die Erstversicherungsgruppe Generali eine neue bAV-Studie veröffentlicht. Als Grundlage hierfür dienten 200 bAV-Verantwortliche aus mittelständischen Unternehmen im Mai 2022. Hiervon gaben 85 Prozent an, bei der betrieblichen Altersversorgung mit Versicherungsunternehmen zu kooperieren. Laut Generali erreicht die Versicherungsbranche als Kooperationspartner des Mittelstands in dieser Studienreihe einen neuen Höchstwert nach 80 Prozent im letzten Jahr.

„Versicherungen sind unsexy“

Man könnte auch, aber nicht nur auf Grundlage dieser Studie, zu der Auffassung kommen, dass die bAV in jedem Fall mit Versicherungen zu tun hat oder für den Erfolg einer bAV eine Versicherung entscheidend ist. In der Tat gibt es zwischen der bAV und der Versicherung ein natürliches Matching. „Keiner käme auf die Idee, dass diese beiden Bereiche nicht zusammengehören. Wenn die Versicherung mit dem Erfolg einer bAV zusammenhängt, dann müsste, sobald eine Firma eine Versicherung einführt, die Belegschaft sehr interessiert daran sein, eine Betriebsrente abzuschließen“, so Stephan Seidenfad, bAV-Experte der von Buddenbrock Unternehmensgruppe.

In Realität sieht es allerdings anders aus. „ ̍Versicherung ̍ ist in Deutschland ein nicht positiv besetzter Begriff. Das Image der Branche ist mäßig. Viele Betriebsrenten scheitern daran, dass Firmen es eben über diesen beschriebenen Weg mal versucht haben. Wir beobachten häufig, dass Firmen zwar von einem Versicherer beraten wurden, das Thema aber niemanden interessiert. Wir haben noch nie eine Firma beraten, bei der sich am Ende des Prozesses keiner für eine Betriebsrente interessiert hat. Das bedeutet im Umkehrschluss: Versicherungen sind unsexy. Weil das so ist, können sie nicht maßgeblich sein für den Erfolg einer bAV in einer Firma.“

BAV und Versicherungen: Es geht auch ohne!

Stellen wir uns nun die Frage, ob es die bAV ohne Versicherungen gibt, dann wissen wir, dass die Versicherung kein zwingender Anlass sein kann. So ist es zum Beispiel bei den alten Versorgungswerken wie den Pensionszusagen. Hierbei sagt der Arbeitgeber seinem Arbeitnehmer das Recht auf betriebliche Versorgungsbezüge nach Ablauf der aktiven Dienstzeit zu. „Inzwischen sind Pensionszusagen nicht mehr so weit verbreitet, wofür es einige gute Gründe gibt. Fakt ist: Um eine Pensionszusage abzuschließen, müssen Firmen noch nicht mal Geld bei Seite legen. Laut Gesetz müssen Firmen zwar Rückstellungen bilden, um später die Ansprüche ihrer Arbeitnehmer erfüllen zu können, eine Versicherung benötigen sie dazu aber nicht. Auch über Investments, ETFs, eine Vermögensverwaltung, Fonds und Aktiendepots können sie die Betriebsrente besichern.“

Auch die pauschaldotierte Unterstützungskasse ist einer der fünf Durchführungswege der betrieblichen Altersversorgung. Wie die Pensionszusage kommt dieser Durchführungsweg ohne Versicherung aus. „Hier können Arbeitgeber als Investition das festlegen, was sie möchten. Es gibt also Wege, eine Betriebsrente einzuführen, in denen Versicherungen nicht vorkommen. Es geht auch anders – was spannend sein kann“, weiß der Experte.

Eine Frage der Unternehmensphilosophie

Beim letzten Punkt, warum bAV und Versicherungen nicht zwingend zusammengehören, wird es philosophischer. Umfragen ergaben, dass die Sorge um die Absicherung der Beschäftigten im Alter der häufigste Grund ist, weshalb Firmen sich für die Einführung einer bAV entscheiden. „Bei der Einrichtung einer Betriebsrente geht es um die Kommunikation, den Bedarf und Nöte von Arbeitnehmern und die soziale Verantwortung des Arbeitgebers. Es geht aber auch um rechtliche Veranlassungen. Das bedeutet, ich befinde mich im Arbeitsrecht. Dabei geht es vorrangig um Versprechen und Verpflichtungen, die Firmen gegenüber ihren Arbeitnehmern eingehen.“

Bei richtiger Kommunikation ist gerade die betriebliche Versorgung ein geeignetes Instrument, um Menschen und Unternehmen zu verbinden. Das Gros der Arbeitnehmer weiß, dass es Probleme gibt mit Renten, Gesundheitsleistungen und Einkommenssicherung. Wirklich Lust, sich damit zu beschäftigen, haben allerdings die Wenigsten. „Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Werbeplakat einer Versicherung, das in der Kantine hängt, die Belegschaft dazu animiert, an einem Workshop zum Thema Betriebsrente teilzunehmen.“

Ist die bAV eine Versicherung? Die bAV ist vor allem ein wirkungsvoller Benefit!

Versicherungen sind zwar ein probates Mittel, um eine Betriebsrente anzusparen, eine Betriebsrente ist allerdings nicht mit einer Versicherung gleichzusetzen. „Betriebsrente ist Recht, Betriebsrente ist Kommunikation, Betriebsrente ist Strategie und ganz viel Information und Beratung. Versicherungen sind hilfreich, um das Geld anzulegen. Dafür können Arbeitgeber aber genauso gut Investments verwenden. Hierbei geht es um die Risikostruktur der Firma – und damit einhergehend um Fragen wie: Wie viel Risiko möchte ich gehen? Wie sieht meine Bilanz aus? Dann eignet sich vielleicht eine Versicherung als Werkzeug, aber ein Grund, um die bAV gut durchzuführen, ist sie nicht.“